Entwicklungsprobleme frühzeitig erkennen – Ressourcen nutzen

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7/7: Heute haben wir uns für unsere BRISE-Serie mit Dr. Thorsten Macha gesprochen. Er ist Familienbegleiter der ersten Stunde und besucht die BRISE-Familien in ihrem Alltag. Als Psychologe beschäftigt er sich seit 25 Jahren mit der Entwicklung von Kindern.

Herr Dr. Macha, Sie sind Psychologe. Wie sind Sie zu Ihrem Beruf gekommen?

„In der Schule war ich stark naturwissenschaftlich orientiert, hatte Mathe und Physik als Leistungskurse. Deswegen hat mich der technische Bereich auch stark interessiert. Ich habe Universitäten und den ein oder anderen Campus besucht, wo Maschinenbau, Elektrotechnik u. a. angeboten wurden und schnell gemerkt: Hier möchte ich nicht mehrere Jahre verbringen.

Dann war ich bei der Studienberatung und konnte dank vieler Wartezeiten recht schnell mit dem Psychologie-Studium an der Bremer Universität beginnen. Dabei war es gar nicht mein allererstes Ziel, mit Familien mit jungen Kindern zu arbeiten – obwohl ich zu der Zeit als Haushaltsvorstand eines Ein-Eltern-Haushalts ein natürliches Interesse an der Entwicklung von Kindern hatte.“

Seit wann arbeiten Sie als Psychologe?

„Ich bin seit 1997 im Feld der Psychologie an der Universität Bremen tätig, also schon seit rund 25 Jahren. Meinem Schwerpunkt bin ich dabei immer treu geblieben. Das Gute ist, dass es nie langweilig wird. In der Forschung gibt es immer wieder neue Aufgaben, neue Projekte, immer noch mehr zu verstehen. Ich beschäftige mich mit Fragestellungen wie „Was sind familiäre Ressourcen?“ und habe auch zu Entwicklungsproblemen, bedingenden Faktoren oder Risikokonstellationen geforscht – nur einige Beispiele.“

Wann sind Sie Familienbegleiter bei BRISE geworden?

„Seit 2016 arbeite ich als wissenschaftlicher Mitarbeiter für die Langzeitstudie zu BRISE. Ich bin also ein Familienbegleiter der ersten Stunde. Die ältesten Kinder, die ich in diesem Rahmen begleitet habe, sind jetzt vier Jahre alt – und so lange bin ich inzwischen auch schon Familienbegleiter.

Uns ist wichtig, dass die Kinder und ihre Familien nicht bei jedem Kontakt wieder mit einer fremden Person in Kontakt kommen. Wissenschaftliche Begleitung durch BRISE bedeutet aber nicht, dass wir den Familien konkrete Unterstützung bieten. Dafür gibt es ja die Programme, zu denen auch das familiennetz bremen informiert.“

Wie oft haben Sie mit den Familien Kontakt und was dabei?

„Im besten Fall habe ich das erste Mal kurz vor Geburt des Kindes Kontakt zur Familie. Der nächste Termin findet statt, wenn das Kind drei Monate alt ist. Dann folgen Termine, wenn das Kind sieben Monate alt ist und zum ersten Geburtstag. Insgesamt sind es vier Termine im ersten Lebensjahr und alle finden als Hausbesuch statt. Seit Beginn der Pandemie geht das natürlich oftmals nicht. Wir telefonieren dann mit den Familien, sprechen uns über Video. Der Termin zum 7. Monat ist dann erstmals mit einer Einladung ins BRISE-Forschungslabor verbunden.

Ich besuche die Familien regelmäßig und stelle ihnen verschiedene Fragen, z. B. wie der Alltag mit dem Kind aktuell aussieht – das ist der wissenschaftliche Teil. Dafür benutzen wir Fragebögen. Aber es finden auch unmittelbare Beobachtungen statt. Ein Beispiel: Bei einigen Hausbesuchen bitte ich die Familien, eine Spielsituation zu arrangieren, sodass wir einen konkreten Einblick bekommen, wie Eltern und Kind typischerweise agieren, wenn sie miteinander spielen.

Bei den Besuchen im BRISE-Forschungslabor untersuchen wir verschiedene Fähigkeiten der Kinder. Wir haben gute technische Möglichkeiten, wie z. B. einen EEG*-Raum. Für ein solches EEG, also eine Elektroenzephalografie, bekommt das Kind eine Mütze aufgesetzt, die mit vielen kleinen Sensoren versehen ist. Diese Sensoren messen die natürliche elektrische Aktivität an der Kopfoberfläche – darüber können wir auf die Hirntätigkeit des Kindes schließen. So lässt sich beispielsweise schon bei Säuglingen feststellen, was ihr Interesse weckt.

Ein Beispiel:

Wenn die Eltern mit dem Kind ein Bilderbuch ansehen und daraus vorlesen, filmen wir die Situation. Dafür nutzen wir eine spezielle Kamera, die die genauen Augenbewegungen des Kindes registriert. Wenn die Mutter dann ihr Kind fragt, wo auf einem Monitor „das Auto“ zu sehen ist, kann genau erfasst werden, ob das Kind wirklich zum Auto sieht – oder ob es auf einen anderen Gegenstand blickt.

So können wir schon ab einem sehr frühen Alter die Sprachentwicklung erfassen. Was die Kinder und Eltern bei einem Kontakt mit uns genau tun, hängt vom Alter des Kindes ab. Wir greifen auf ganz unterschiedliche Situationen und Verfahren zurück, um die Entwicklungsprozesse zu beobachten und zu verstehen.“

Was wäre Ihnen die liebste Erkenntnis nach zehn Jahren Rückblick auf das BRISE-Forschungsprojekt?

„Seit 25 Jahren beschäftige ich mich mit der Entwicklung von Kindern, Ich kam oft erst dann mit Familien in Kontakt, wenn ein Problem festgestellt worden war. Das Ziel von BRISE als Initiative in der Stadtgemeinde Bremen ist, solchen Problemen möglichst gut vorzubeugen. Die Möglichkeit, diese Initiative mit einer wissenschaftlichen Langzeitstudie zu begleiten, erlaubt uns, im Forschungsverbund zu untersuchen, wie Entwicklungsprobleme möglichst frühzeitig erkannt werden können.

Und tatsächlich, nach zehn Jahren können wir Belastungen und Risikobedingungen für die kindliche Entwicklung noch besser verstehen – und damit hoffentlich besser vorbeugen.“

Was ist aus Ihrer Sicht eine gute elterliche Eigenschaft?

„Eltern sollten nicht den Anspruch haben, immer alles allein zu schaffen, alles zu wissen, alles zu können. Neben eigenen sozialen Netzwerken gibt es großartige Angebote für Kinder jeden Alters und ihre Eltern, über die man sich z. B. beim familiennetz informieren kann. Unterstützung in Anspruch zu nehmen, kommt auch dann den Kindern zugute, wenn dabei zunächst die Eltern im Fokus stehen. Denn wenn es den Eltern gut geht, fällt es ihnen natürlich leichter, sich gut um ihre Kinder zu kümmern.“


Dr. Thorsten Macha ist BRISE-Familienbegleiter im Bremer Süden. Der Klinische Psychologe des Kindes- und Jugendalters ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bremen und seit 2017 beim Projekt BRISE tätig.